Autonomes Fahren in der Praxis – die Kehrseite der Innovation

Macht das Fahren einer Kehrmaschine eigentlich Spaß? Wenn man es gelegentlich machen darf, ja. Wenn man es täglich machen muss, definitiv nein. Klar, so eine moderne Maschine ist für viele Technik-Fans faszinierend, doch im Alltag überwiegt irgendwann die Monotonie. Es ist eng, laut und man ist nur sehr langsam unterwegs. Technische Neuerungen machen die Arbeit zwar immer angenehmer, doch die Sisyphosarbeit bleibt: sauber machen. Das ist zwar notwendig, trägt aber im besten Fall nur indirekt zur Wertschöpfung bei. Wenn im Zuge des Fachkräftemangels auch noch Personal für die wirklich wichtigen Aufgaben fehlt, ist klar, dass Routineaufgaben wie das Kehren und Fegen automatisiert werden sollten.

Unsere Höfe und Anlagen eignen sich perfekt, um frühzeitig mit Start-ups diese innovative Technologie zu erproben und zur Marktreife zu bringen: es gibt unterschiedliche Oberflächen, viel Dynamik, Verkehr sowie den abfallbedingten Bedarf an täglicher Reinigung. Und das alles auf einem geschlossen, kontrolliertem Gelände. Ideale Voraussetzung also, um eine autonome Kehrmaschine in Extremsituation zu testen und die Sensorsysteme robust zu machen. Funktioniert die Kehrmaschine bei uns, funktioniert sie wahrscheinlich überall. Aus diesem Grund arbeiten wir seit Anfang 2019 mit zwei Start-ups an zwei unterschiedlichen Standorten an der Erprobung und Optimierung ihrer Systeme.

Uns interessiert darüber hinaus natürlich auch die Alltagstauglichkeit, Bedienbarkeit und Präzision. Was nützt eine tolle Maschine, wenn man sie aufwändig über manuelle Programmierbefehle steuern muss oder wenn sie spontanen Hindernissen nicht ausweichen kann? Auch die Sicherheit spielt eine große Rolle: Kehrmaschinen sollen zwar so nah wie möglich an Bordsteinkanten und Objekte heranfahren, aber keine Beschädigungen verursachen. Diese Gratwanderung zu erbringen ist eine Höchstleistung für die Computersysteme. Auf einem Schrottplatz muss bspw. die Fahrbahn sauber gehalten werden, um platte Reifen zu verhindern, doch die Kehrmaschine sollte nicht anfangen das verarbeitete und verkaufsfertige Material am Rand der Haufen einzusammeln. Was sich so banal anhört, muss dem Computer aufwändig beigebracht werden. Hier heißt es testen, testen, testen.

Wir haben natürlich nicht nur unsere eigenen Anlagen im Blick. Mittelfristig wollen wir auch unseren privaten Kunden und Kommunen solch einen autonomen Service anbieten. Da der Einsatz im öffentlichen Raum noch einige rechtliche Hürden mit sich bringt, werden wir die Kehrmaschinen zunächst auf Betriebsgeländen oder in Parkhäusern in Aktion erleben. Erst in einigen Jahren ist der Einsatz von kleinen Kehrrobotern in Fußgängerzonen und Parkanlagen denkbar. Bis wir autonome Großkehrmaschinen im Straßenverkehr erleben, werden wahrscheinlich noch einmal einige Jahre ins Land gehen. Sicher ist jedoch, dass diese Entwicklung fortschreitet und wir als ALBA von Beginn an Erfahrungen sammeln wollen. Für uns sind die autonomen Kehrmaschinen ein erster Schritt in Richtung selbstfahrende Maschinen jeglicher Art. In Zukunft werden auch Radlader möglicherweise den Abfall autonom bewegen. Auch unsere Entsorgungsfahrzeuge könnten eigenständig neben den Müllwerkern fahren oder im Falle der Seitenlader sogar komplett autonom die Leerung der Tonnen übernehmen. Vielleicht erleben wir auch irgendwann den autonomen Schnee-Räumdienst.

Neue Ideen und Use Cases für autonome Fahrzeuge gibt es viele, doch für deren Realisierung bedarf es eines langen Atems und einer klaren Vision. Wer als Umweltdienstleister in Zukunft vorne mitspielen möchte, muss jetzt die Weichen hierfür stellen. Kehrmaschinen sind für den ersten Schritt ideal, da sie keine Personen transportieren, sich relativ langsam bewegen und nicht in den Straßenverkehr eingreifen. Einige Ideen hören sich aktuell noch wie Science Fiction an, doch vor 10 Jahren konnte man sich z.B. Mäh- und Staubsaugerroboter noch nicht vorstellen. Heute gehören sie in unseren Alltag und viele Besitzer fragen sich, wie sie diese monotone Tätigkeit früher bloß ausgehalten haben. Über die Kehrmaschinen werden wir hoffentlich in einigen Jahren genauso denken.